![]() |
![]() |
Sie befinden sich: Home / Chronologie / 24.4.2002 Stellungnahme der IG AutorInnen
Ein herzliches Grüß Gott der Kameradschaft
Burghauptmannschaft
Die Burghauptmannschaft läßt die Botschaft der besorgten Bürgerinnen und
Bürger auf dem Wiener Ballhausplatz räumen
Letzte Nacht wurde die seit Beginn der schwarz-blauen Regierung auf dem
Ballhausplatz eingerichtete Botschaft der besorgten Bürgerinnen und
Bürger geräumt ? damit Neo- und Alt-Nazis in Zukunft ungestörter
aufmarschieren können?
Es ist kein einziger Fall eines radikalen Auftritts im Zusammenhang mit
dieser Einrichtung der Zivilgesellschaft und Zivilcourage bekannt, aber
es ist inzwischen hinlänglich bekannt, daß Alt- und
Neo-Nazi-Demonstrationen in Österreich unter Berufung auf die
Versammlungsfreiheit ungehindert mit Sieg-Heil-Parolen durch die Wiener
Innenstadt ziehen können.
Seit ebenso langer Zeit wie die Botschaft der besorgten Bürgerinnen und
Bürger besteht, finden jeden Donnerstag "Widerstandslesungen" statt,
an
denen bisher hunderte österreichische Autorinnen und Autoren
teilgenommen haben. Entfernt wurden mit der Räumung der Botschaft auch
diese Veranstaltungen. Es soll für die Zivilgesellschaft und für die
Zivilcourage politischen Uneinverstandenseins in Österreich offenbar
keine solche wie den Alt- und Neonationalsozialisten eingeräumte
Versammlungsfreiheit geben.
Durch diese Aktion und die Duldung alt- und neonationalsozialistischer
Kundgebungen wird die Österreichische Bundesverfassung gleich mehrfach
mit Füßen getreten. Das Wiederbetätigungsverbot ist außer Kraft gesetzt
worden. Die Versammlungsfreiheit verfassungsrechtlich unbedenklicher
Versammlungen ist eingeschränkt worden. Die Freiheit der
Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst sind zur Auslegungssache
öffentlicher Verwaltungen und der Regierung geworden.
Es wird mit dieser Räumung der Botschaft der besorgten Bürgerinnen und
Bürger nicht nur ein von Anbeginn an die Österreichische Bundesregierung
störender und stören sollender Anblick geräumt, es wird mit der
plötzlich entdeckten Versammlungsfreiheit für Alt- und
Neonationalsozialismus in Österreich nicht nur dem Alt- und
Neonationalsozialismus wieder zu Legitimität und Legalität verholfen, es
werden Verfassungsrechte und verfassungsrechtliche Verbote aus der
Österreichischen Bundesverfassung endgültig beiseite geräumt.
Offenbar soll der rechte Aufwind in den letzten Tagen in Europa dazu
benützt werden, restlos mit allem aufzuräumen, was straff geführten
autoritären Strukturen im Wege steht. Einer österreichischen Politik,
die nicht erkennt, was sie damit anrichtet, ist nicht mehr zu helfen.
Einer österreichischen Politik, die sich damit begnügt, das
Zwischenwahlergebnis der französischen Präsidentschaftswahlen als
Quittung für die Vorbehalte der Regierungsbildung mit der FPÖ in
Österreich zu interpretieren, hat nicht das Geringste vom Unterschied
zwischen demokratischen und autoritären Verhältnissen begriffen. In
Frankreich hat sich angesichts des Wahlergebnisses für Le Pen sofort
eine demokratische Allianz aller nicht-rechten Parteien gebildet, die
ihre Wahlempfehlungen für den demokratischen Kandidaten abgegeben hat.
In Österreich hingegen wird hingegen sogar auf höchster Regierungsebene
mit dem Rechtsextremismus kokettiert.
Dieselbe Burghauptmannschaft, die vor ein paar Jahren noch einer aus
Reden Adolf Hitlers und Josef Stalins geplanten Theaterproduktion die
ursprünglich genehmigte Aufführung auf dem Heldenplatz wegen der
"historischen Belastung des Platzes" unmittelbar vor dem
Aufführungstermin untersagt hat, hat jetzt die Botschaft der besorgten
Bürgerinnen und Bürger räumen lassen. Dieselbe Burghauptmannschaft, die
als die Wahrerin vor weiteren Belastungen belasteter Plätze auftritt,
hatte aber kein Problem damit, daß erst vor kurzem Neo- und Alt-Nazis
auf den durch sie belasteten Platz zurückkehren konnten und auf dem für
sie abgesperrten Heldenplatz demonstriert haben.
Die Heuchelei staatsmännischer und staatsfrauischer Sorgen über die
Gefahren des Extremismus hat einen neuen Höhepunkt erfahren. Ein
zynischer parlamentarischer Zwischenruf wird zu einer
Wiederbetätigungsäußerung umgelogen, Schlichtungsversuche bei
eskalierenden Demonstrationen sollen als linksradikale Handlungen
verstanden werden.
Tatsache ist, und das hat dieser vorläufig letzte Akt unmißverständlich
bewiesen, es wird rechtem und rechtsextremem Gedankengut und Handeln der
Weg freigemacht. Wo bleibt der nationale Schulterschluß für die
Demokratie? Wieso überlegt ein einziger Politiker noch einen einzigen
Tag länger, ob eine der für den 8. Mai angekündigten nationalistischen
Trauerkundgebungen über das Ende des unüberbietbaren Grauens und
Schreckens des Nationalsozialismus zu verbieten sein könnte oder nicht?
Von wem wird Österreich und und auf welchen verfassungsrechtlichen
Grundlagen wird in Österreich eigentlich regiert?
Die diesen Donnerstag bevorstehende 140. Widerstandslesung wird trotzdem
stattfinden, so wie alle weiteren schon geplanten und noch zu planenden
Widerstandslesungen, wie immer, an jedem Donnerstag, von 17.00 bis 19.00
Uhr, entweder am bisherigen Standort oder in seiner nächstmöglichen
Nähe.
Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 24.4.2002